Die neue Studie „Lieferketten im Spannungsfeld von Geopolitik und Nachhaltigkeit 2026“, die gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Industriebetriebslehre (Prof. Dr. Ronald Bogaschewsky) der Universität Würzburg erstellt wurde, analysiert die aktuellen Herausforderungen und Handlungsoptionen für Unternehmen in Einkauf und Supply Chain Management. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von Entscheidungsträgerinnen und -trägern aus Industrie, Handel und Dienstleistung im deutschsprachigen Raum.
Zentrale Erkenntnisse der Studie
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Unternehmen sehen sich heute mit einer erheblich gestiegenen Risikodynamik in globalen Lieferketten konfrontiert. Dabei stehen insbesondere geopolitische Faktoren im Fokus:
- Regulatorische und politische Risiken dominieren: Rechtliche und regulatorische Veränderungen sowie Handelskonflikte, Sanktionen und Zollbeschränkungen werden als größte Risiken für Lieferketten bewertet.
- Geopolitische Instabilität bleibt kritisch: Politische Spannungen, militärische Konflikte und die zunehmende Fragmentierung globaler Märkte beeinflussen unternehmerische Entscheidungen spürbar.
- Cyberrisiken gewinnen weiter an Bedeutung: Cyberkriminalität und -kriegsführung zählen inzwischen zu den zentral wahrgenommenen Bedrohungen.
Demgegenüber werden nachhaltigkeitsbezogene Risiken – wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust oder Naturkatastrophen – von den befragten Unternehmen im Durchschnitt als weniger unmittelbar kritisch eingeschätzt, obwohl sie in internationalen Risikoreports am höchsten bewertet werden. Hier dominiert offenbar eine eher kurzfristige Risikobetrachtung in den Unternehmen.
Mitigationsstrategien: Kooperation statt struktureller Umbau
Bei den Handlungsoptionen zur Risikominimierung zeigen sich klare Prioritäten:
- Der Aufbau strategischer Partnerschaften mit Lieferanten ist die wichtigste Maßnahme.
- Ebenso zentral sind Frühwarnsysteme und eine intensivere Risikoüberwachung.
- Klassische Ansätze wie Lageraufbau oder Produktionsverlagerung spielen hingegen eine deutlich geringere Rolle.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Unternehmen verstärkt auf Resilienz durch Kooperation und Transparenz setzen, statt auf kostenintensive strukturelle Veränderungen.
Neuausrichtung globaler Lieferketten
Die Studie identifiziert aber auch den Wunsch nach einer Diversifizierung von Lieferketten:
- Wachstumspotenziale sehen Unternehmen insbesondere in der EU, Indien und Südostasien.
- Gleichzeitig bleiben aber etablierte Märkte wie China und die USA trotz geopolitischer Risiken weiterhin relevant.
Diese Entwicklung kann als Beginn einer neuen Phase des Global Sourcing unter veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen interpretiert werden.
Kritische Bewertung von Nachhaltigkeitsregulierung
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Wahrnehmung regulatorischer Maßnahmen:
- Ein Großteil der Unternehmen bewertet EU-Nachhaltigkeitsregulierungen (z. B. Lieferkettengesetz, Berichtspflichten) überwiegend als bürokratischen Aufwand mit begrenztem Nutzen.
- Gleichzeitig bleibt in Einkauf und Supply Chain Management der grundsätzliche Stellenwert von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit unverändert oder nimmt sogar zu.
Dies verdeutlicht eine Diskrepanz zwischen strategischer Einschätzung und operativer (regulatorischer) Umsetzung.
Versorgungssicherheit als oberstes Ziel
Übergreifend zeigt die Studie einen klaren Paradigmenwechsel: Die Sicherstellung der Versorgung hat für Unternehmen aktuell höchste Priorität – häufig noch vor Kostenoptimierung oder Wachstum.
Fazit
Die Studie macht deutlich, dass erfolgreiche Lieferkettenstrategien künftig nur im Zusammenspiel von geopolitischem Risikomanagement, nachhaltiger Transformation und operativer Resilienz gestaltet werden können. Gleichzeitig lassen die Ergebnisse vermuten, dass viele Unternehmen aktuell eher auf kurzfristige Entwicklungen reagieren und langfristig ausgerichtete, proaktive Strategien bislang nur begrenzt umgesetzt werden bzw. umgesetzt werden können.
Die vollständige Studie steht hier zum Download bereit. ↓